Marksteine für Bildung mit Freude und Lernen ohne Schulzwang

ARTIKEL ZU WELTALPHABETISIERUNGSTAG

Hier finden Sie Artikel zum Thema Weltalphabetisierungstag.

Weltalphabetisierungstag, 8. September

Lesen ist gefährlich! UN-Weltalphabetisierungstag 2007

09.09.2007, (RK)

Analphabetismus ist nicht nur ein Problem der Entwicklungsländer. Auch die westlichen Industrienationen sehen sich mit der Herausforderung des funktionalen Analphabetismus bei Erwachsenen konfrontiert. Am Vortag zum UM-Weltalphabetisierungstag wiesen Vertreter von Verbänden, Politik und Kultur in Berlin auf die Bedeutung von Grundbildung hin. „Alphabetisierung gehört zu den wichtigsten Aufgaben des Bildungssystems“, betonte Bundesbildungsministerin Annette Schavan. Das Bundesbildungsministerium stellt in den kommenden 5 Jahren 30 Millionen Euro für Projekte zur Forschung und Entwicklung für die Alphabetisierung bereit. Der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung zeichnete neue „Botschafter für Alphabetisierung“ aus, darunter Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse.

In Deutschland gibt es schätzungsweise vier Millionen funktionale Analphabeten. Erwachsene, deren Lese- und Schreibfertigkeiten nicht ausreicht, um diese funktional in Beruf und Alltag einzusetzen. Trotz absolvierter Schulpflicht sind sie nicht in der Lage, eine Zeitung zu lesen, ein Formular auszufüllen oder einen Brief zu schreiben. Erhebliche Schwächen beim Lesen und Schreiben verringern für die Betroffenen nicht nur die Chancen auf dem Arbeitsmarkt, sondern beeinträchtigen auch ihre Lebensqualität und ihre gesellschaftliche Integration.

Handschriftprobe eines Teilnehmers aus einem Alphabetisierungskurs
„Ich will eine Lehre machen. Dann bin ich Maurer. Vorher will ich lesen und schreiben lernen.“ Handschriftprobe eines Kursteilnehmers eines Alphabetisierungskurses für Erwachsene. (Quelle: BVAG)

„Prävention und Bekämpfung des Analphabetismus sowie die Sicherung einer soliden Grundbildung für alle gehören zu den wichtigsten Aufgaben unseres Bildungssystems,“ sagte Bundesbildungsministerin Annette Schavan. „Grundbildung ermöglicht erst jegliche weitere Bildung und das lebenslange Lernen“.

Bei einer Podiumsdiskussion zogen Vertreter der zentralen Akteure der Alphabetisierung eine kritische Bilanz zur Halbzeit der UN-Weltalphabetisierungs-Dekade. Im Rahmen der 2002 von UN-Generalsekretär Kofi Anan ausgerufenen Dekade soll die Zahl der Analphabeten weltweit um die Hälfte reduziert werden. Ein Ziel, von dem man in Deutschland noch weit entfernt ist. Derzeit nehmen von den geschätzten 4 Millionen funktionalen Analphabeten lediglch 20.000 an Lese- und Schreibkuren, die v.a. von Volkshochschulen angeboten werden, teil. Dies rühre v.a. daher, dass es nicht genügen Kursangebote gebe.

Schizophrener bildungspolitischer Diskurs

Dr. Jens Korfkamp, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung, wies dabei auf die Schizophrenie des bildungspolitischen Diskurses in Deutschland hin. So werde zwar stets von der wachsenden Bedeutung des lebenslangen Lernens, von Bildung als wichtigster Ressource eines rohstoffarmen Landes wie Deutschland gesprochen. Gleichzeitig würden jedoch die Mittel für Erwachsenenbildung permanent gekürzt. Allein in NRW seien zuletzt die Mittel für die Volkshochschulen um ein Drittel gekappt worden. „Wenn Sie als Volkshochschulleiter dann gezwungen sind, ihre Kosten massiv zu reduzieren, stehen Alphabetisierungskure ganz oben auf der Streichliste, denn diese sind vom wirtschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, katastrophal.“, erklärte Korfkamp.

Norbert Hocke vom Vorstand der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft pflichtete dieser Einschätzung bei und machte deutlich, dass dem Engagement des Bundes für die Alphabetisierung, welches sich zahlreichen Fördermaßnahmen von Projekten abbildet, ein Mangel an Unterfütterung mit entsprechenden nachhaltigen Angeboten in Form von Kursen vor Ort gegenüberstünde.
Auch sei eine Professionalisierung des Bereichs dringend angezeigt, ebenso wie eine adäquate Bezahlung.

Mit Blick auf die Prävention von Analphabetismus forderte Korfkamp ein Pflichtmodul „Alphabetisierung“ im Rahmen der Lehrerausbildung, da die Lese- und Schreibschwierigkeiten früh beginnen und entsprechend erkannt und diesen begegnet werden müsse.

Alphabetisierung in Deutschland nicht ausreichend ernst genommen

Gerade durch die Bemühungen des seit zehn Jahre bestehenden und immer noch ehrenamtlich arbeitenden Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung sei viel erreicht worden. Jedoch werde das Problem „Analphabetismus“ in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern, nicht ausreichend ernst genommen, betonte Maren Elfert vom UNESCO-Institut für lebenslanges Lernen. So habe nahezu jedes europäische Land, das – wie Deutschland – an der OECD-Vergleichsstudie zur Lesefähigkeit Erwachsene (International Adult Literacy Survey, IALS) teilgenommen hatte, Konsequenzen gezogen, Studien zur Erhebung von Analphabetismus in Auftrag gegeben, Forschungsinstitute gegründet, nationale Alphabetisierungsagenturen eingerichtet, die die Alphabetisierungsarbeit koordinierten, massive Öffentlichkeitskampagnen gestartet, die Professionalisierung von Kursleitern vorangetrieben u.v.m. England geben investiert im Rahmen des Grundbildungsprogramms „Skills for Life“ im Zeitraum von 2001 bis 2006 allein knapp 5,5 Milliarden Euro in Grundbildung und habe im Bildungsministerium eine eigene Abteilung für Grundbildung eingerichtet. Gerade in den westlichen Industrienationen, die sich zunehmend zu wissensbasierten Arbeitsgesellschaften umformen, in denen Computer und Internet im Alltag und Berufsleben immer unverzichtbarer werden und es kaum noch Bereiche gibt, in denen man nicht mit den neuen Medien konfrontiert sei, stelle sich die Aufgabe, für eine ausreichende Grundbildung zu sorgen.

Botschafter für Alphabetisierung

Im Rahmen der Veranstaltung wurden neue „Botschafter für Alphabetisierung 2007“ ausgezeichnet. Mit der Ehrung würdigt der Bundesverband Alphabiserung und Grundbildung Menschen, die durch ihr berufliches Tun und aufgrund ihrer Rolle in der Öffentlichkeit, der Alphabetisierung zu mehr Anerkennung und Wahrnehmung verhelfen.
Ausgezeichnet wurden Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, Carsten Colmorgen, Direktor des Berliner Concorde Hotels und – stellvertretend für alle Kursleiterinnen und Kursleiter – Eva Steffens-Elsner. Die Franfurter Buchmesse hatte sich 2006 der Alphabetisierung zugewendet und die Literacy Campaign LitCam gestartet, in deren Rahmen während der Buchmesse zahlreiche Veranstaltungen die Alphabetisierung thematisierten. Eine international besetzte Fachkonferenz versammelt Experten, Organisationen und Akteure der Alphabetisierung um über Beispiele guter Praxis, neue innovative Ansätze und strategische Herausforderungen für die Zukunft zu diskutieren.

In seiner Dankesrede wies Boos auf die Bedeutung und Sprengkraft von Lesen und Schreiben hin. Lesen und Schreiben zu können bedeute, über Grenzen und die Zeit hinweg sich Ideen erschließen, entwickeln und mitteilen zu können. Diktaturen seien durch das geschriebene Wort gestürzt worden. Wer lesen und schreiben könne, nehme das Abenteuer des Denkens selbst in die Hand. Boos erinnerte an Schriftsteller, die in Haft säßen oder verfolgt und gefährdet seien. Als Buchmesse sei es eine Selbstverständlichkeit, sich des Themas anzunehmen und er hoffe, mit der internationalen Plattform der Messe und der öffentlichen Aufmerksamkeit dazu beitragen zu können, Alphabetisierung aus der Tabuzone herauszubewegen. Weitere Informationen zu den Botschaftern für Alphabetisierung auf der Internetseite des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung

Links
Pressemitteilung des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung
„Alphabetisierung gehört zu wichtigsten Aufgaben des Bildungssystems“ Pressemitteilung des BMBF
Zukunft Bildung auf der Frankfurter Buchmesse
Pressemitteilung der UNESCO zum Weltalphabetisierungstag 2007

Brothers of Pen and Papers
Dokumentarfilm von kenianischen Lernerinnen und Lernern über den Zusammenhang von Alphabetisierung und Gesundheit erstellt haben. Der Film entstand im Rahmen eines Projekts der African Medical and Research Foundation (AMREF) zur Rehabilitation von Straßenkindern, in dessen Rahmen die Kinder Lesen und Schreiben lernten und mit Video arbeiteten, um ihre Themen und Anliegen zu dokumentieren.

Das Alphabet der Hoffnung
Zum Weltalphabetisierungstag 2007 gibt die UNESCO das Buch „Alphabet of Hope“ heraus, in dem bekannte internaionale Schriftstellerinnen und Autoren, darunter Margaret Atwood, Paul Auster, Paulo Coelho, Nadine Gordimer, Toni Morrison, Philippe Claudel, Philippe Delerm, Chahdortt Djavann, Fatou Diome, Marc Lévy, Alberto Manguel, Anna Moi, u.v.a. Texte zur Bedeutung von Alphabetisierung, Lesen und Schreiben beisteuern. Aus dem Band ist der Beitrag von Nadime Gordimer: Das Bild und das Wort bereits online zugänglich.

Internationale Alphabetisierungspreis der UNESCO
Projekte aus China, Nigeria, Tansania, Senegal und den USA wurden mit den Internationalem Alphabetisierungspreisen ausgezeichnet.

aus: reticon.de – Bildung und Neue Medien

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