Marksteine für Bildung mit Freude und Lernen ohne Schulzwang

ARTIKEL ZU WELTSPIELTAG


FR-online.de

28. Mai 2008

Weltspieltag

Spiele mit Grenzen

VON MATTHIAS THIEME

Spielen im Freien

Beim Spielen im Freien trainieren Kinder das Zusammenspiel der Sinne. (Ilona Surrey)

Als sie ein Kind war streifte sie stundenlang in der Nachbarschaft umher, malte mit Kreide bunte Gesichter auf die Straße, entdeckte Ameisen, fand geheime Verstecke und traf andere Kinder.

Heute ist sie Mutter, lebt in Berlin und würde ihre siebenjährige Tochter nie länger als 15 Minuten unbeaufsichtigt draußen spielen lassen. Die Autos, die Hunde, das Unfallrisiko! Und man hört ja so viel über Sexualverbrecher. „Wir lesen nur noch Bullerbü vor“, sagt die junge Mutter, „leben können wir das nicht.“ Existiert das wilde Kinderleben nur noch in Astrid Lindgrens Geschichten? Unbeaufsichtigt spielende Jungen und Mädchen auf Straßen und Plätzen – früher eine Alltäglichkeit – gibt es in den meisten Gegenden nicht mehr. Sieht man sie doch, gelten sie fast schon als asozial.

Experten sind sich einig, dass Kindheit sich dramatisch verändert und fordern am heutigen „Weltspieltag“ mehr Raum für Kinder. Als Gründe für das Verschwinden der Kleinen aus der Öffentlichkeit nennen sie die sinkende Geburtenrate, die Angst der Eltern vor Übergriffen, die zunehmenden Verplanung der Freizeit und den kinderfeindlichen Städtebau.

„Auf den Straßen findet kein Spiel mehr statt“, sagt Holger Hofmann, Referent des Kinderhilfswerks. „Das geht auch gar nicht bei dieser Übermacht an Autos.“ Die Räume seien für Erwachsene gemacht, verplant und verengt. Früher hätten Kinder einen Aktionsradius von 20 Kilometern gehabt, heute gehe der Bewegungsspielraum vielerorts gegen Null. Auch auf dem Land sei die Kindheit schon lange „nicht mehr wie in Bullerbü“. Auf modernen Bauernhöfen und Feldern haben Kinder nicht mehr viel zu suchen.

Folge des Mangels an Erfahrungsräumen: Viele Kinder sitzen allein zu Hause, kennen das freie Spiel in Gruppen nicht mehr – und entdecken dafür die virtuelle Welt am Computer. „Wenn es draußen nichts Attraktives gibt, bleibt den Kindern oft nur noch die Mediennutzung drinnen“, sagt Hofmann.

Medial beschäftigt und allein im Kinderzimmer passt der Nachwuchs heute oft noch am ehesten ins Leben der Erwachsenen. Dabei kann das von überbeschäftigten Eltern wegorganisierte Kind sich ebenso in digitalen Spielen verlieren wie das vernachlässigte. Doch am Bildschirm lernen Kinder wenig über sich. Über ihre Grenzen, ihren Körper, ihren Platz in der Welt. Wer als Kind nie über einen Graben hüpft, nie einen Frosch fängt oder eine Brennnessel anfasst, wer keine sinnlichen Eindrücke sammeln kann, der verkümmert auch psychisch und mental, meinen Fachleute. „Toben macht schlau“, sagt deshalb Renate Zimmer, Professorin für Sportpädagogik an der Universität Osnabrück. Für das spätere Leben sei es wichtig, dass die Kinder ihre „Selbstwirksamkeit“ erleben. „Kinder suchen etwas, wo sie ihre Spuren hinterlassen können“, so Zimmer. Baut etwa ein Kind mit einem Ast eine kleine Brücke über einen Bach, könne es die wesentliche Erkenntnis gewinnen: „Das habe ich geschaffen mit meiner Körperkraft.“

Eltern sollten Kinder durch Bewegung die Welt erkunden lassen, meint Zimmer. „Die Lust des Lebens drückt sich bei Kindern in der Körperlichkeit aus.“ Dass dies – wenn überhaupt – nur auf dem Land möglich ist, glaubt die Expertin nicht. Sie hat eine Filmaufnahme. Zu sehen: Nur eine Betontreppe und ein Kind, dass sie 30 Mal hintereinander begeistert erklimmt. Springend, Stufen auslassend, immer anders, immer neu.

Beim Spielen im Freien können Kinder das Zusammenspiel der Sinne trainieren. Sie lernen Spannung und Entspannung selbst zu regulieren und können den Wechsel von schnellen zu langsamen Bewegungen erfahren. „Das sind Voraussetzungen dafür, dass das Gehirn lernfähig und aufnahmefähig wird“, sagt die Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Hedi Friedrich. Mangelnde Stimulation und eine eingeschränkte Erlebniswelt führten zu einer Verarmung und psychischen Störungen.

Auch Überfürsorglichkeit kann Kinder davon abhalten, sich im freien Spiel zu erproben, weiß Jürgen Brodbeck vom Verein Spiellandschaft aus Bremen. Bei bildungsnahen Schichten behindert manchmal ein straffer Wochenplan aus Reit-, Sport-, und Musikunterricht jede unbeaufsichtigte Entfaltung. „Viele Eltern haben nur noch ein Kind, umso mehr wird es behütet“, warnt Brodbeck.

Schon früh soll der Nachwuchs für den künftigen Leistungswettbewerb auf dem Arbeitsmarkt trainiert werden. „Wir beobachten immer wieder, dass Kinder viel zu schick angezogen sind zum Spielen“, so Brodbeck. Aber mit Lackschuhen klettert es sich schlecht auf einen Baum. „Unserer Ansicht nach sollte ein Kind erst seine Sinne im freien Spiel entwickeln“, meint Brodbeck. „Das passiert nicht im Chinesisch-Kurs.“

In Bremen sperren sie jetzt wieder Straßen für Kinder. Eltern-Initiativen schaffen auf Grünflächen Platz für Spiele. Die Kinder sollten als Experten von der kommunalen Politik gehört werden, fordert Wassilios Emmanuel Fthenakis, Professor für Entwicklungspsychologie an der Freien Universität Bozen. Sie könnten den Erwachsenen die Brachflächen, Bachläufe und Wiesen zeigen, die bald wieder Kinderland sein sollen.

URL: http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?cnt=1340900

Kinderleicht, tantenschwer

Hier bitte nicht spielen
Spielen verboten (Kumpfmüller)

Heute ist der Weltspieltag. Aber: Leistungsorientierung, alternde Gesellschaft und verfehlte Stadtplanung verengen Spielräume. Was bleibt? Die FR hat Mädchen und Jungs nach ihrem Lieblingsspiel gefragt.

Fiona (4), Frankfurt: Ich spiele am liebsten mit Playmobil. Mit allem Möglichen, auch mit einem Krankenhaus.

Lucas (5), Frankfurt: Ich liebe es, mit anderen Kindern Fangen zu spielen. Das macht so viel Spaß, weil man rennen muss und Sport macht.

Tim (8), Eltville: Ich spiele am liebsten mit Lego. Ich habe schon viele Raumschiffe gebaut mit großen Flügeln und Raketen. Für die Raumschiffe baue ich dann Stationen, wo sie landen können.Paul Henri (6), Frankfurt: Fußball spiele ich am allerliebsten. Im Park mit Freunden oder auf dem Schulhof. Manchmal spiele ich auch allein. Man kriegt da Muskeln von und es macht so Spaß, weil man seine Füße bewegen kann, und als Torwart auch seine Hand. Doof ist, dass man danach nassgeschwitzt ist.

Marie (8), Frankfurt: Hula Hoop macht mir am meisten Spaß. Es ist toll, den Reifen immer weiter zu bewegen und nicht fallen zu lassen. Ich mache das allein in der Wohnung oder in der Turnhalle mit anderen aus der Klasse. Ich kann das gut.

Simon (11), Eltville: Am meisten mag ich es, mit meinem Freund Max am Baumhaus „Überleben in der Natur“ zu spielen. Mit einem Flaschenzug ziehen wir uns Getränke und Süßigkeiten hoch oder Backsteine.

Jonas (6), Bruchköbel: Ich spiele am liebsten Schach im Computer. Die Mama findet das doof. Aber mir macht es Spaß, weil der Computer so gut ist. Der macht was er will. Manchmal ist es aber blöd, weil der Computer immer so gut ist. In jedem Spiel gewinnt der! Dann spiele ich im Computer Autorennen. Ich versuche, als erster im Ziel zu sein. Wenn ich gut bin, kann ich mir im nächsten Rennen ein tolles Auto aussuchen. Es gibt welche, die cool aussehen! Draußen spiele ich am liebsten Fußball bei Oma. Da habe ich ein Tor und muss in die Löcher schießen.

Gustav (5), München: Drinnen spiele ich am liebsten Puzzle oder Lego, draußen Fußball. Oder ich fahre mit dem Rad. Verstecken spielen ist auch toll, aber es gibt so wenig gute Verstecke. Nur so ein alter Baum, der ist ein wirklich gutes Versteck.

Jomo (6), Hamburg: Drinnen spiele ich gern Tischkicker und mit der Carrera-Bahn. Im Urlaub habe ich auch Gameboy gespielt, meine Cousins haben einen. Draußen spiele ich am liebsten Fußball und Verstecken. Wir fahren auch Rennen mit dem Rad und bauen in der Sandkiste Tunnel. Die neuen Wrestling-Chips finde ich auch toll, das sind Plastikmarken, mit denen man spielt, wie beim Münzenwerfen. Derjenige, wo der Kopf unten ist, verliert und muss seinen Chip abgeben. Die Lehrer haben uns die Chips in der Schule verboten.

Leon (11), Oerrel: Für drinnen habe ich meinen Gameboy, ich mache Turnübungen oder spiele mit Modellautos. Mit Freunden oder der Familie spiele ich gern Karten, Mau-Mau oder Stechen. Draußen fahre ich mit meinem Kettcar oder mit dem Fahrrad. Trampolinspringen ist auch toll. Wir bauen gern Hütten aus Holzresten, die reißen wir wieder ab und bauen sie neu zusammen. Wenn Schrottautos rumstehen, spielen wir da drin.

Anele (7), Frankfurt: Einradfahren ist mein liebstes Spiel, weil ich es jetzt gelernt habe. Ich sitze fast den ganzen Tag drauf. Spaß macht, dass die andern das nicht können. Und es macht Spaß, wenn man beim Fahren wackelt und mit den Armen schwingt. Sonst spiele ich gern mit Puppen, ich habe neun. Dann habe ich ein Drehspiel, so eine große Folie als Spielfeld und ein Zeiger, den dreht man, dann muss man zum Beispiel die linke Hand auf ein rotes Feld und den rechten Fuß auf ein gelbes stellen. Da muss man sich verknoten. Das ist lustig, weil ich immer gegen Tante Moni gewinne – für Kinder ist das leicht, für so Tanten ganz schön schwer.

Ida (7), Frankfurt: Ich mache gern Klatschspiele, zu zweit oder dritt oder im Kreis. Es gibt schwierige und leichte. Man kann sie manchmal ganz schnell machen, das sieht toll aus.

Luis (8), Bad Homburg: Auf dem Abenteuerspielplatz lauf‘ ich am liebsten durchs Gebüsch, mit meinem Freund Jonathan baue ich dort aus Stöcken ein Haus. Am Bach haben wir einen Staudamm gebaut. Zu Hause fahre ich mit einem Playmobil-Piratenschiff und schieße auf ein anderes. Ich habe einen Hafen aus Lego. Ich lese viele Donald-Duck-Bücher und spiele oft Monopoly.

URL: http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?sid=f5e2e68ede6f7bf8db53086ce4155e30&em_cnt=1340899

1 Kommentar »

  1. […] Spiele mit Grenzen […]

    Pingback von WELTSPIELTAG « Lernen ohne Schulzwang — 29. Mai 2008 @ 8:01 am


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