Marksteine für Bildung mit Freude und Lernen ohne Schulzwang

ARTIKEL ZU ALBERT-SCHWEITZER-TAG

Ehrfurcht vor dem Leben

„Der Landmann, der auf seiner Wiese tausend Blumen zur Nahrung für seine Kühe hingemäht hat, soll sich hüten, auf dem Heimweg in geistlosem Zeitvertreib eine Blume am Rande der Landstraße zu köpfen, denn damit vergeht er sich am Leben, ohne unter der Gewalt der Notwendigkeit zu stehen.“ Albert Schweitzer

Albert Schweitzer, der berühmte Arzt und Theologe aus dem westafrikanischen Hospital Lambarene, hat sich sein ganzes Leben lang mit der Frage befasst, welcher Platz den Menschen in der Schöpfung gehört: Herrschen sie über alles oder sind sie Teil des Ganzen? Dürfen wir Tiere töten und Pflanzen vernichten oder versündigen wir uns, wenn wir es tun, an unseren Mitgeschöpfen? Die Sache ist ganz schön kompliziert. Denn selbst wenn ich Gottes schöne Schöpfung schonen will, wenn ich mich vegetarisch ernähre, in Schimpansen nahe Verwandte und in Hunden die treuesten Gefährten des Menschen erkenne, – dass die einen (Menschen) auf Kosten der anderen (Tiere) leben, kann ich nicht verhindern. Schon wer ein paar Schritte über die Wiese geht, nimmt vielen kleinen und kleinsten Lebewesen das Leben.

Albert Schweitzer hat lange nach der Beschreibung gesucht, die den Platz des Menschen zwischen den anderen Lebewesen zutreffend kennzeichnet: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“. So schlicht der Satz klingt, er beinhaltet eine gar nicht so selbstverständliche Basis um weiter zu denken. Es gibt nicht nur ein menschliches Recht auf Leben. Auch Tiere, sogar Pflanzen, alles, was lebendig ist, will leben und darf leben wollen.

Gegen die Gedankenlosigkeit

Und wird doch immer wieder daran gehindert, auch von Dr. Schweitzer. Als Arzt ist er nicht nur an der Erhaltung von Leben beteiligt, sondern auch an seiner Vernichtung. Wenn er zum Beispiel die Erreger der Schlafkrankheit, die er unter seinem Labormikroskop ausmachen kann, bekämpft, dann tötet er damit Lebewesen. Im Übrigen besitzt er ein Gewehr, mit dem er Schlangen schießt und manchmal auch Raubvögel, wenn sie die Nester anderer Vögel plündern wollen. Albert Schweitzer ist – das mag manche überraschen – nicht einmal Vegetarier. Stellen wir uns die Sache also nicht zu idyllisch vor. Wenn ich alte Fotos von dem Urwalddoktor mit seinem zahmen Pelikan sehe, dann weiß ich, dass er ihn am liebsten mit frisch gefangenen Fischen gefüttert hat. Und trotzdem: Aus einer tiefen Ehrfurcht heraus, die er vor allem Leben hatte, hat er einen Augenblick später den in der Hitze siechenden Regenwurm zurück ins feuchte Gras gesetzt.

Es ist gut, dass es ab und zu solche Menschen wie Albert Schweitzer gibt, Menschen, die nicht nur ihresgleichen, sondern alles Leben in ihr weites Herz schließen. Sie erinnern uns daran, dass die Zeit der Gedankenlosigkeit im Umgang mit den Mitgeschöpfen endgültig vorbei ist. Und auch wenn die Sache vertrackt und kompliziert bleibt, mir persönlich hilft Albert Schweitzers „Ehrfurcht vor dem Leben“ im Umgang mit der Schöpfung ein gutes Stück weiter.

Helwig Wegner www.albert-schweitzer-zentrum.de

erschienen in echt, 2. Quartal 2002
Copyright by EKHN, Darmstadt
http://www.echt-online.de/archiv/echt2002_2/Inhalt/Albert_Schweitzer/body_albert_schweitzer.html

1 Kommentar »

  1. […] Ehrfurcht vor dem Leben […]

    Pingback von ALBERT-SCHWEITZER-TAG « Lernen ohne Schulzwang — 1. Juni 2008 @ 5:35 pm


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